Das Putin-Interview

Posted by admin | Verfehlungen | Montag 5 Januar 2009 11:38 pm

Ein Thema das in der „Welt der alternativen Medien” für einen Aufruhr der Entrüstung gesorgt hat, ist das Interview mit Vladimir Putin, Ende August 2008 in der ARD.
Ich ergreife weder Partei für Putin noch für Georgien, obwohl es, nach allem was ich gelesen habe, natürlich eine Tendenz gibt… Mir geht es um die Arbeitsweise der Medien bzw. um die Machart des ausgestrahlten Interviews, die Techniken der Gesprächsführung und die Wirkung die dieses Gespräch beim Zuschauer hinterlässt. Warum ein öffentlich-rechtlicher Sender wie die ARD eine solche Wirkung (offensichtlich) erzielen will, ist eine Frage über die sich jeder selbst seine Meinung bilden muss…

Warum der Aufruhr?
Vielleicht ist es einfacher die erbosten Reaktionen der alternativen Medien zu erklären, wenn wir einfach mal so tun, als würden wir dieses Interview jetzt gerade im Fernsehen sehen, genau so wie es auch ausgestrahlt wurde. Lassen wir es auf uns wirken.

ARD-Version

Also, kurz mal überlegen.
Was ist bei dir hängengeblieben? Das ist natürlich bei jedem unterschiedlich, je nach historischem Vorwissen und bereits gesehenen Nachrichten und Beiträgen. Aber geht es vielleicht trotzdem ein bisschen in die Richtung: „Haja, Russland macht sein Ding und verhält sich nicht sehr partnerschaftlich. Erst einen Krieg mit Georgien anfangen und dann alles abstreiten…”? Nicht? Sehr gut, dann hat die Manipulation bei dir nicht gefruchtet, du scheinst einen natürlichen Filter dafür zu besitzen. Glückwunsch!

Was an diesem Interview zunächst einmal auffällt, ist, dass mit voller Absicht der Eindruck erweckt werden soll, dass es sich um ein ungeschnittenes, fortlaufendes Gespräch handelt.
Denk mal drüber nach: in jedem anderen Interview im TV das tatsächlich geschnitten wurde, wird das auch deutlich kenntlich gemacht. Da werden kurze Blenden zwischen die Schnitte gesetzt, der Interviewte beginnt plötzlich mitten in einem Satz oder nach dem Interview kommt die Erklärung „Das war Herr XY, wir haben das Gespräch vor der Sendung aufgezeichnet.” Das sind die üblichen Mittel die zwangsläufig verwendet werden. Nicht so hier.
Ausschließlich harte Schnitte (ohne Blende), die das Gefühl vermitteln das Gespräch sei aus einen Guss, es sei nichts entfernt worden. Die Begrüßung der Gesprächpartner, ja sogar der Tontechniker der Putin das Mikrofon anschließt, werden gezeigt. Zufall? Eher nicht.
Ein Cutter, das ist derjenige der das Bildmaterial zusammensetzt, macht so etwas nicht aus Zufall. Er bekommt seine Anweisung vom Redakteur und der bekommt seine wiederum von einer höheren Stelle, dem Chefredakteur. Und auch der hat wieder einen Chef und so weiter. Irgendjemand in der Hirarchie hat also die Anweisung ausgegeben, dass dieses Interview in diesem Stil geschnitten werden soll. Bei einem Gespräch mit einer Persönlichkeit der Geschichte wie Vladimir Putin, wird das wahrscheinlich jemand aus den oberen Rängen der Hirarchie gewesen sein. Vladimir Putin, das ist ja jetzt nicht auch nur irgend so ein Typ.
Also, des Rätsels Lösung: Das Interview wurde nur verkürzt ausgestrahlt.
Und zwar wurde nicht nur ein bisschen was Unwichtiges hier rausgenommen und ein wenig  Geplänkel hier entfernt, nein.  Es wurden einzelne Fragen, einzelne Antworten, ganze Absätze, komplette Argumentationsketten herausgeschnitten.

Hier ist das Interview im Original, so wie es ursprünglich aufgezeichnet wurde:

Teil 1/3

Teil 2/3

Teil 3/3

Auf dem Blog Spiegelfechter.com findet sich sogar eine übersetzte Abschrift des kompletten Interviews,  bei der die entfernten Teile farblich markiert sind.  Und diese Abschrift offenbart einiges.

Auf ein paar der eklatantesten zu beobachtenden Techniken der Manipulation möchte ich im folgenden hinweisen. Und immer dran denken, das ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Seine Aufgabe ist es uns zu informieren, nicht uns zu beeinflussen.  Nehmen wir zum Beispiel den Beginn des Gespräches:

Thomas Roth:
“Herr Ministerpräsident, nach der Eskalation in Georgien sieht das Bild in der internationalen Öffentlichkeit so aus, damit meine ich Politik, aber auch Presse: Russland gegen den Rest der Welt. Warum haben Sie Ihr Land mit Gewalt in diese Situation getrieben?
Direkt zu Gesprächsbeginn ein wunderbares Beispiel für Suggestion (dem Zuschauer gegenüber). Russland gegen den Rest der Welt und die Frage Warum haben Sie Ihr Land mit Gewalt in diese Situation getrieben? Wobei „Gewalt” hier sowohl für physische Gewalt als auch für „mit voller Absicht” steht. Als Frage formuliert klingt das nicht ganz so aggressiv wie es eigentlich gemeint ist. Rhetorisch geschickt getarnt, des Journalisten täglich Brot. Dennoch eine Unterstellung, durch nichts untermauert. Eine Apodiktische Aussage , die dem Zuschauer suggeriert, dass der gute Herr Roth, der ja wissen muss wovon er spricht, gar nicht falsch liegen kann - sonst hätte er ja nicht einen so wichtigen Job.
Oder dass er gar im Fernsehen eine Behauptung aufstellt von der er weiß, dass sie nicht stimmt.

Blöd nur, dass Putin, auch nicht von gestern und als ehemaliger KGB-Mann mit solchen Techniken wahrscheinlich gut vertraut, ihm mit einer Gegenfrage direkt wieder den Wind aus den Segeln nimmt und ihn förmlich verbal dazu zwingt seine eigene, eben aufgestellte Behauptung, wieder zurückzunehmen und das Gegenteil zuzugeben: Der letzte Auslöser war der georgische Angriff auf Zchinwali.
Wie ungeschickt.
Dabei wollte er Putin doch schon mit der Eingangsfrage in die Ecke drängen und dem Zuschauer klarmachen wer hier der Bösewicht ist. Und dann sowas.
Aber wie wir gesehen haben, leben wir ja im Goldenen Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung. Nichts ist unmöglich und diese unangenehme Gegenfrage herauszuschneiden hat nicht mehr als ein paar Sekunden und ein paar Klicks mit der Maus gekostet. Problem gelöst.
Dass Putin sich für die Zurücknahme der Behauptung dann sogar noch bedankt und nun von sich aus auch noch einmal betont das Russland nicht der Aggressor war, muss dann natürlich auch dem Schnitt zum Opfer fallen. Sonst könnte der Zuschauer ja noch was merken. Schnipp schnapp, weg damit.
Der Original-Dialog lief also so ab (frei interpretiert):

ARD: Russland ist mit Absicht in den Krieg gegen Georgien gezogen!
Putin: Wie bitte? Wer hat den Krieg begonnen?
ARD: Ach so, ja, ´tschuldigung, war wohl doch Georgien.
Putin: Danke, das will ich meinen. Wir haben diese Situation nicht herbeigeführt.

Und was bleibt von diesem erstem „Schlagabtausch” nach dem Schnitt für den ARD-Zuschauer übrig?

ARD: Russland ist mit Absicht in den Krieg gegen Georgien gezogen!
Putin: Das Ansehen eines Landes, das eine unabhängige Aussenpolitik betreibt, wird steigen. Das Ansehen eines Landes, das sich um die Interessen anderer Länder kümmert wird sinken.

Erstaunlich was man mit ein bisschen Videotechnik alles anstellen kann, oder?
Ein kurzer Blick auf die Zeit: Die erste Frage wird nach ca. 22 Sekunden gestellt.
Das Bild Russlands als rücksichtloser Aggressor ist bei 1min 22s geformt. Knappe 80 Sekunden.

In seiner Antwort auf die „nächste Frage” erklärt Putin seine Aussage zum Thema Aussen- und Innenpolitk von weiter oben noch einmal genauer. Auch davon erfährt der vertrauensvolle ARD-Zuschauer jedoch wieder nichts:

Thomas Roth:
„Sie haben die Frage trotzdem noch nicht beantwortet, warum Sie die Isolation ihres ganzen Landes riskiert haben.”
Weiter oben hat Herr Roth bereits selbst eingestanden, dass sich diese Farge eigentlich gar nicht stellt, aber das wurde ja nicht gesendet…
;-)

Im Original-Dialog ist Putin etwas irritiert darüber, dass Herr Roth seine Antwort scheinbar nicht ganz verstanden hat.  Er erklärt also erneut und möchte auch noch einmal betonen:
„Wenn Staaten ihre eigenen nationalen Interessen vernachlässigen, um aussenpolitische Interessen anderer Staaten zu bedienen, dann wird die Autorität dieser Länder…nach und nach sinken. … wenn die europäischen Staaten die außenpolitischen Interessen der USA bedienen wollen, dann werden sie, aus meiner Sicht, nichts dabei gewinnen.”
Und was bleibt davon nach dem Schnitt übrig?
Wir hören nicht die genauere Erklärung, wir hören nur die Wiederholung der Antwort von vorhin und noch das hier:

Putin:
„Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. … wenn die europäischen Staaten die außenpolitischen Interessen der USA bedienen wollen, dann werden sie, aus meiner Sicht, nichts dabei gewinnen.”

Aha.
Zeit für eine weitere freie Interpretation:

ARD:
Russland ist mit Absicht in den Krieg gegen Georgien gezogen!
Putin: Europa und die USA sollen sich mal nicht so wichtig nehmen. Wenn die Europäer meinen sie müßten den USA „alles recht machen”, dann werden sie schon sehen was sie davon haben.

Wie in der Abschrift deutlich zu erkennen ist, stellt Putin nun seinerseits wieder Fragen an Herrn Roth: „Wollten Sie das wir auch so verfahren? Dass wir uns zurückgezogen hätten und den georgischen Streitkräften erlaubt hätten, die in Zchinwali lebende Bevölkerung zu vernichten?”

Doch erstens ist Herr Roth ja nicht derjenige der hier unangenehme Fragen beantworten muss und zweitens wurde ja auch diese Argumentation Putins komplett dem Schnitt geopfert.

Der folgende Teil des Gespräches kommt in der ausgestrahlten Version bei 4min22s.
Roth stellt wieder eine Frage. Und was für eine:
“Herr Ministerpräsident, Kritiker sagen, Ihr eigentliches Kriegsziel war gar nicht, nur die südossetische Bevölkerung aus Ihrer Sicht zu schützen,…”

“…Kritiker sagen,…”
Wer sich „Outfoxed” immer noch nicht angschaut hat, sollte das jetzt langsam wirklich dringend nachholen. Wer den Film bereits kennt, dürfte sich an die „Manche sagen”-Technik erinnert fühlen.
„…ihr eigentliches Kriegsziel…”
Hm.
Hatten wir das jetzt nicht schon zweimal geklärt?
Naja. In Putin´s Antwort auf diese „Frage”, um nicht schon wieder “Unterstellung” sagen zu müssen, wird das ganze Ausmaß der Manipulation deutlich. Mitten aus dem Satz wird das Wort „vielleicht” entfernt. Schlecht übersetzt oder bewusst herausgeschnitten, der Stimmungsmache wegen?
Aber, wie immer, es kommt noch besser. Und zwar schon im nächsten Satz. „…,wie Sie selbst sagten,…” fehlt.
Muss es ja, sonst könnte der Zuschauer ja aus seinem Fernsehsessel hochschrecken und sich fragen, wann der gute Herr Roth denn sowas verrücktes gesagt haben sollte wie zum Beispiel, dass Georgien den Konflikt begonnen haben sollte. Denn das wurde ja aus schlichten “Zeitgründen” herausgeschnitten…

Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Belassen wir es dabei, ich denke die Gründe für den Aufruhr und die Proteste in den Reihen derer, die von den Hintergründen dieses Interviews zeitnah erfahren haben, sollten jetzt etwas klarer sein. Lies die Abschrift doch selber noch ein bisschen weiter und bilde dir deine eigene Meinung.

Hier noch ein interessantes Interview der AG Friedensforschung an der Uni Kassel  mit dem Russischen Botschafter: „Russland hat reagiert.”

Nachtrag am 01.10.2009
Na bitte, es hat zwar über ein Jahr gedauert, aber so ist das nunmal manchmal mit der Wahrheit.
Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.”
-Mark Twain-


3 Kommentare »

  1. Comment von Waldi — 25. März, 2009 @ 9:54 am

    Da ich auch das Interview auch sehr genau verfolgt habe und auch sehr enttäuscht über die deutsche Version war, bin ich froh dass sich jemand so fiel Mühe macht und so eine detaillierte Analyse erstellt.Ist nur schade dass es so spät gekommen ist, ich glaub es kommt bei die Deutsche Bevölkerung nicht mehr an.
    Fielen dank.

  2. Comment von finkendorff — 25. Mai, 2009 @ 10:55 am

    Danke für diese Seite.

  3. Comment von Hanna — 2. August, 2009 @ 9:29 pm

    Vorweg: Diese Seite ist großartig!
    Mir ist bei diesem Interview - neben den technischen Manipulationen - noch etwas aufgefallen…Im ARD Interview ist der Dolmetscher von Herrn Putin richtig schlecht! Man versteht teilweise gar nicht was Putin sagt und muss sich unglaublich konzentrieren. Das heißt man versteht die irreführenden Fragen besonders gut, die konternden Antworten besonders schlecht.
    Ein Gruß und danke!

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