Wie man Nachrichtenbeiträge produziert

Posted by admin | Interessante Clips | Dienstag 2 Februar 2010 12:19 am

In diesem kurzen, aber treffenden Beitrag von Charlie Brooker in seiner Sendung „Newswipe” (BBC), demonstriert er deutlich den standardisierten Ablauf-Einheitsbrei der TV-Berichterstattung. Ein immer gleiches Schema, das uns durch eine völlig unsinnige audiovisuelle Reizüberflutung denken lässt wir wären tatsächlich gut informiert. Obwohl man nach 2-3 solcher Beiträge hintereinander meistens auch nicht mehr weiß als vorher, vorausgesetzt man kann sich nach dem dritten Bericht noch an den Inhalt des ersten erinnern…
Aber dem menschlichen Gehirn des Zuschauers wird durch dieses Informationsbombardement aus schnellen Schnitten vieler Bilder, farblicher Effekte, Zeitraffer, Animationen, Statistiken, Kurzinterviews und dem das alles überlagernde Texten des Sprechers suggeriert es würde tatsächlich gut informiert und es handele sich um einen professionellen journalistischen Bericht…

Ein sehr informatives, wenn auch schon etwas älteres, Buch zu diesem Thema ist „Wie informiert das Fernsehen?”, von dem deutschen Medienwissenschaftler Bernward Wember, aus dem Jahre 1975. Es handelt sich dabei um ein Buch zum gleichnamigen Film, in dem Wember am Beispiel des Nordirland-Konflikts sehr eindrucksvoll die Berichterstattung und ihre Wirkung im Bezug auf Informationsverarbeitung beim Rezipienten analysiert.
Eine kurze Inhaltsangabe mit Kapitelangaben findet sich hier.

Ein ganz besonders hervorstechendes und uns heutzutage überall begegnendes Themengebiet dieser Analyse ist dabei das Kapitel 9, die sog. „Bild-Text-Schere”.
Noch nie gehört? Kaum verwunderlich.
Noch nie gesehen? Unmöglich.

Kaum verwunderlich deshalb, weil man heutzutage darüber wie Fernsehbeiträge produziert werden kaum noch berichtet. Sie sind halt so wie sie sind, wir sind ja alle  von klein auf daran gewöhnt…was solls also? Die werden schon wissen was sie tun.
Unmöglich deshalb, da sie -obwohl schon im Jahre 1975 entdeckt und analysiert (siehe oben)- seit ihrer frühen Phase den 70er Jahren, bis heute eine Allmacht und Pregnanz in sehr sehr vielen Fernsehformaten entwickelt hat, dass man eben unmöglich noch um sie herumkommt.
Die meisten Sendungen arbeiten mit Bildern die kaum länger als 2-3 Sekunden „stehen”.
Dazu kommen fantastische Bildbearbeitungstechniken und Soundeffekte und schon weiß man gar nicht mehr wo oben und unten ist; man kommt regelrecht außer Atem. Text und Bild stehen kaum noch in einem vernünftigen Zusammenhang, denn sollte der Sprecher tatsächlich so schnell texten wie die Bilder sich verändern, dürfte das stark an den guten alten Helium-inhalieren-auf-der-Party-Gag erinnern. Die Schere zwischen Text und Bild klafft also sperrangelweit auseinander…
Soviel mal als Kurzerklärung, wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen will, dem sei erneut oben genanntes Buch empfohlen.
Aber zurück zu Charlie Brooker und seinem Beitrag über die Uniformität vieler Nachrichtenbeiträge:

Newswipe
Wie man Nachrichtenbeiträge produziert

Passend zum Thema folgt nun noch ein Ausschnitt aus einer Dokumentation des ZDF aus dem Jahre 1979: “Manipulation - und wie man ihr entkommt”.
Vom ZDF…hört hört! Damals konnte man solch heisse Eisen wohl noch anpacken.
Wer sich die Clips ansieht, dem wird auch auffallen, dass man sich damals auch noch ein bisschen mehr Zeit lassen konnte ein Thema zu analysieren, immerhin dauert die komplette Doku 6 x 30 Minuten. Sicher, sie kommt ein wenig altbacken und spröde daher, aber sie hat ja immerhin schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, also erwartet kein Hollywood-Effekt-Spektakel und haltet durch.
Im Vordergrund stehen hier auch die Informationen die transportiert werden sollen und nicht -wie heute üblich- das Kleinhirn des Zuschauers durch eine möglichst hohe Bildwechselfrequenz zum kochen zu bringen.
Ein Teil des Ausschnitts behandelt auch die oben erwähnten Analysen von Bernward Wember und präsentieren einen Teil seines Filmes “Wie informiert das Fernsehen?”. Allein schon an diesem kurzen Beispiel wird deutlich, dass weniger, auch bei der Nachrichtenübermittlung, durchaus mehr sein kann…

Naja, ich habe für mich jedenfalls erkannt, dass ich, wenn ich die Infos aus den heutigen Fernsehberichten wirklich verstehen will, besser klarkomme wenn ich nur zuhöre und mich nicht von den Bildern ablenken lasse. Augen zu und durch.
Probierts mal aus.

Und nun viel Spaß mit dem Flashback ins Jahr 1979:

Manipulation - und wie man ihr entkommt
Teil 1/2 (8min 11sek)

Manipulation - und wie man ihr entkommt
Teil 2/2 (9min 58sek)

4 Kommentare »

  1. Comment von lupo — 2. Februar, 2010 @ 1:45 pm

    Vielleicht möchtest Du in dieser Hinsicht auch mal H. Marshall McLuhans “Understanding Media” lesen. Bei kritischer Rezeption kommt das Fernsehen da ziemlich schlecht weg.

  2. Comment von Rachel — 2. Februar, 2010 @ 5:44 pm

    Hahahaha brilliant!

    Genau deshalb seh ich jetzt wieder genauso oft fern wie ich es als Dreijährige in den frühen 70ern tat — im Schnitt einmal im Monat.

    Die Sendung mit der Maus!!!

  3. Comment von andi — 15. Februar, 2010 @ 1:57 am

    das buch - Wir amüsieren uns zu Tode - empfehle ich auch dazu.

  4. Comment von Henstyle — 9. März, 2010 @ 7:23 pm

    Dazu empfehle ich auch noch etwas: “Die Tagesshow – wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht” von Walter van Rossum. Sehr fundiert und vor allem sehr gut geschrieben.

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