Die ver(w)irrten Arbeitslosen(zahlen)
Ich muss zugeben, ich bin kein großer Fan von Zahlen. Weder in der Kneipe, noch wenn es um das Auseinander-Klamüsern von Statistiken geht. Ich denke das hat genetische Gründe, zumindest rede ich mir das gerne ein. Nach dem Genuss der folgenden Artikel bin ich aber nun vollständig verwirrt und bitte um tatkräftige Mithilfe bei der Aufklärung des folgenden mathematischen Rätsels…
Wie im Bericht zur „Entwicklung des Arbeitsmarktes im September 2008″ in der Presse Info der „Bundesagentur für Arbeit” vom 30.09.2008 zu lesen ist, belief sich die Zahl der Arbeitslosen im September 2008 auf 3,081,000.
Siehe hier. (Kleiner Tip: Das Fenster geöffnet lassen, wird später bestimmt noch gebraucht…)
Wir halten fest: September 2008 = 3,081,000 Arbeitslose
Genau ein Jahr später, am 30.09.2009 entnehmen wir dem Bericht zur „Entwicklung des Arbeitsmarktes im September 2009″ in der Presse-Info derselben „Bundesagentur für Arbeit”, dass sich die Zahl der Arbeitslosen jetzt auf 3,346,000 beläuft.
Siehe hier. (Ebenfalls geöffnet lassen…)
Wir halten fest: September 2009 = 3,346,000 Arbeitslose
Für den besseren Überblick nehmen wir uns einen Schmierzettel und einen Taschenrechner zur Hand und berechnen die Differenz:
3,346,000 Arbeitslose
-
3,081,000 Arbeitslose
——————————–
=265,000 Arbeitslose
265,000 Arbeitslose mehr seit September 2008.
Die BA selbst kommt in ihrer eigenen Rechnung hier zwar auf die Summe von 266,000,
aber hey, 1000 Arbeitslose mehr oder weniger… wer wird denn anfangen wollen Haare zu spalten?
…
Bis hierhin hält sich die Verwirrung noch in Grenzen - solange man die beinahe täglichen Nachrichten von Stellenabbau, Insolvenzen und Konkursen, die uns seit Monaten um die Ohren fliegen, ausblendet. Wenn diese Ausblendung also funktioniert, ist das eine simple Mathematikaufgabe bei der man noch nicht mal nach x auflösen oder irgendwelche Integrale berechnen muss.
Aber wie das in der bunten Welt der Zahlen und Statistiken nun mal so ist, gibt es immer einen Spielverderber, der einen alternativen Rechenweg vorschlägt, das Ganze dann noch mal selbst berechnet und letztlich auf völlig andere Zahlen kommt.
Siehe hier. (Ebenfalls… )
Auszüge:
„Seit Herbst 2008 haben laut Deutschem Gewerkschaftsbund rund 3,2 Millionen Menschen ihren Job verloren (…).”
„Sie mussten sich im Zeitraum von Oktober 2008 bis September dieses Jahres nach einer sozialversicherten Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt neu arbeitslos melden.”
„Wie viele von ihnen eine neue Stelle gefunden haben, teilte der DGB nicht mit.”
3,200,000 Arbeitslose mehr seit Oktober 2008???
Aber das würde doch zu einer völlig neuen Rechnung führen:
3,081,000 Arbeitlose (September 2008)
+
3,200,000 Arbeitslose (September 08 - Oktober 2009)
————————————————————————————–
= 6,281,000 Arbeitslose + Dunkelziffer + nicht in der Statistik erfasste Menschen
6,281,000 Arbeitslose im Oktober 2009?
Ach ja, richtig, da war ja was…die Wirtschaftskrise.
Und die Wahlen Ende vergangenen September.
SOLCHE Zahlen machen sich natürlich gar nicht gut knapp 4 Wochen vor einer Bundestagswahl.
Aber halt:
„Wie viele von ihnen eine neue Stelle gefunden haben, teilte der DGB nicht mit.”
Wie gesagt, ich bin keine große Mathe-Leuchte, aber…müsste man so was nicht ausrechnen können? Ich werde es mal versuchen, freue mich aber natürlich über jeden Verbesserungsvorschlag!
September 2008 = 3,081,000 Arbeitslose
September 2009 = 3,346,000 Arbeitslose
In den 12 Monaten dazwischen wurden laut Deutschem Gewerkschaftsbund 3,200,000 Menschen arbeitslos…
3,081,000 Arbeitslose (September 2008)
+
3,200,000 Arbeitslose (September 08 - Oktober 09)
——————————————————————————
= 6,281,000 Arbeitslose + Dunkelziffer + nicht in der Statistik erfasste Menschen
6,281,000 Arbeitslose (Oktober 09)
-
3,346,000 Arbeitslose (September 09)
——————————————————————————
= 2,935,000 Menschen die wieder eine neu Stelle gefunden haben müssen,
damit die Zahlen der BA überhaupt stimmen können.
3,200,000 Menschen die von September 2008 bis Oktober 2009 ihren Job verloren haben.
2,935,000 Menschen die scheinbar innerhalb dieses Zeitraums direkt wieder eine neue Stelle gefunden haben…
3,200,000 Arbeitslose
-
2,935,000 Menschen mit neuer Stelle
——————————————————————————
= 265,000 die übrig bleiben und scheinbar keine neue Stelle gefunden haben.
Also 265,000 neue Arbeitslose.
Diese Zahl hatten wir doch schon einmal…?
Das war doch (bis auf die bereits erwähnten 1000 Menschen) genau die Zahl, welche die BA als „Arbeitslosenzahl im Vorjahresvergleich” (Entwicklung des Arbeitsmarktes im September 2009) berechnet hatte.
Na, dann scheint die Rechnung ja aufzugehen.
Aber…wie ist das möglich?
Wie kann es sein, dass von 3,2 Millionen Menschen die ihren Job verloren haben (wenn der Bericht des Deutschen Gewerkschaftsbundes zutrifft), 2,935,000 Menschen innerhalb von nur 12 Monaten direkt wieder eine neue Stelle finden konnten? Nicht dass ich mich nicht für sie freuen würde, nein, das wäre ja eine wirklich tolle Sache! Aber, wenn es in Zeiten einer schweren globalen Wirtschaftskrise, mit Insolvenzen und Kündigungen aller Orten, für 2,935,000 Menschen so leicht sein sollte sofort wieder einen Job zu finden…wie leicht müsste es denn dann sein in „normalen” Zeiten einen Job zu finden?
Naja, wer es bis jetzt geschafft hat noch nicht verwirrt zu sein, der kann ja noch einmal kurz einen Blick auf die Tabelle namens „Zuwachs der Arbeitslosigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt (Oktober 08 - September 09)”, die der Spiegel auszugsweise zitiert, werfen.
Wir sehen, in sämtlichen angegebenen Branchen wird hier von der BA ein Zuwachs der Arbeitslosigkeit verzeichnet. Von +54% bis +0,9% ist alles dabei. Sogar in der Branche „keine Zuordnung” gab es einen Zuwachs von +9,1%.
Nirgends, in keinem Wirtschaftszweig findet sich ein Minus der Arbeitslosigkeit.
Und das obwohl 2,935,000 Menschen eine neue Stelle gefunden haben müss(t)en.
Die Spiegel-Redaktion scheint das weitaus weniger verblüffend zu finden als ich, was ich,
gelinde gesagt, verblüffend finden würde, wenn ich mittlerweile noch den Anspruch an die Spiegel-Redaktion hätte irgendetwas Verblüffendes auch tatsächlich verblüffend zu finden….
Mich erinnern solche Fundstücke meist nur noch an den folgenden Beitrag:
Kann es nicht sein, dass die Zahlen der Gewerkschaft einfach falsch sind, also ein Zahlendreher oder ein verrutschtes Komma?
In der offiziellen Statistik tauchen ja nur Menschen auf, die sich auch bei der Agentur arbeitslos melden. Ausserdem sind alle aussen vor, die sich in gewissen Maßnahmen befinden. Ich denke, die Agenturen werden das schon alles irgendwie hinbiegen, dass es nicht so schlimm ausschaut.
Noch eine Frage: Woher hat der Gewerkschaftsbund die Zahlen? Die müssen doch belegt sein! Vielleicht meinen sie gar nicht Deutschland
Es kann durchaus sein, dass die Zahlen des Gewerkschaftsbundes falsch sind…
Es kann aber auch genauso gut sein, dass die Zahlen der BA falsch sind…
Stellt sich nur die Frage:
Hat sich da jemand aus Versehen verrechnet oder ist mit Absicht dran gedreht worden? Und wer hätte denn was davon wenn falsche Ergebnisse herauskommen?
Wenn sogar ich es hinbekomme mit diesen relativ glatten Zahlen ohne Zahlendreher oder ein verrutschtes Komma zu rechnen, sollten das die Leute von der BA oder vom DGB nicht auch hinbekommen?
Im Bericht auf Spiegel-Online findet sich ganz oben ein Link zur Studie des DGB und darin verweist der DGB dann wiederum auf die Zahlen und Statistiken der BA…
Verwirrend, oder?
Ich habe dem DGB zur Sicherheit eben eine email geschrieben ob sie mir noch genauere Quellen als die der BA nennen können und bin gespannt (ob) was zurückkommt…
Beste Grüße,
Stefan
Die Arbeitslosenstatistiken werden wie folgt manipuliert:
- 1€-Jobber gelten als beschäftigt
- Ab-58jährige, die 1 Jahr oder länger arbeitslos sind, kommen aus der Statistik
- Sich in Trainingsmaßnahen befindende Personen werden nicht erfaßt, weil sie dem Arbeitsmarkt angeblich »nicht zur Verfügung stehen«
- es wird absichtlich Kurzarbeitspolitik durchgesetzt, da Kurzarbeiter zwar als unterbeschäftigt, aber nicht als arbeitslos gelten.
- und durch andere Dinge, die mir jetzt nicht spontan eingefallen sind.
Und hier die Antwort des DGB:
“Hallo Herr Enderle,
bei dieser Berechnung handelt sich um eine Bewegungszahl, während die BA nur die Veränderung des Bestandes ausweist. Bei denen, die im Laufe eines Jahres arbeitslos geworden sind, ist aber zu berücksichtigen, dass diese Arbeitslosen selbst oder auch andere zum Teil auch wieder einen neuen Job finden und von daher der Anstieg nicht so groß ist, wie Bewegungen.
Viele Grüße
Dr. Wilhelm Adamy
Leiter des Bereichs Arbeitsmarktpolitik
des DGB-Bundesvorstands”
Grüße,
Stefan