Die Einschaltquote
Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit mit einer Redakteurin eines großen öffentlich-rechtlichen Senders und einem freien Kameramann nach den Dreharbeiten für einen Beitrag noch einen Kaffee zu trinken.
(Ja, ich arbeite gelegentlich für das Fernsehen. So, jetz isses raus. Aber irgendwer muss ja die Miete bezahlen, nicht wahr?)
Wir sprachen über die Dreharbeiten und was wir davon hielten und so weiter.
Irgendwann konnte ich es mir aber nicht mehr verkneifen und ich lenkte das Thema, natürlich unauffällig, in Richtung Qualität im Fernsehen.
Wer bestimmt eigentlich was wann läuft und so weiter.
Was ich dann zu hören bekam ließ mich allerdings ein wenig erschaudern.
Woher „die Einschaltquote” kommt wusste ich bereits. Allerdings noch nicht allzu lange.
Ich dachte auch immer, dass ich, sagen wir mal ich sehe eine Sendung die mir nicht gefällt, durchaus einen, wenn auch winzigen, Einfluss auf die Einschaltquote habe, wenn ich dann eben einfach umschalte.
Wie oft habe ich Freunde von mir gefragt „Oh Gott, diesem Scheiss schenkst du auch noch deine Einschaltquote?” Ist ja auch ein schöner Gedanke:
Das Fernsehprogramm spiegelt genau das wider was die Bevölkerung sehen möchte.
Die senden, wir schalten ein oder um oder noch besser: ab. Dadurch entsteht ja auch erst der Ausdruck: Das Fernsehen, der Spiegel der Gesellschaft.
Klar, wenn man sich das Fernsehprogramm heutzutage mal bewusst ansieht, könnte das einem auch ganz schön Angst machen. Demnach steht ein Großteil von uns auf Pseudo-Reality-Doku-Soaps, Talkshows und Gerichtssendungen in denen Laienschauspieler, die um jeden Preis in´s Fernsehen wollen, unterirdisch schlecht abstruse Abläufe in Gerichtssälen nachspielen.
Von so bizarren Erscheinungen wie „Zwei bei Kallwass” oder „Bauer sucht Frau” ganz zu schweigen.
Ach ja und ein Großteil von uns scheint auch, immer noch, nach all den Jahren, Talkshows richtig prima zu finden.
Am allertollsten scheinen wir aber alle jede Sendung zu finden, in der sich andere vor laufender Kamera endgültig zum Affen machen. Sollte dann noch ein Heulkrampf oder ein Wutausbruch dazukommen, umso besser, immer her damit.
Hauptsache der Bohlen oder der Soost tritt dann auch nochmal nach bester Stammtischmanier nach.
So isses von den Machern ja auch gewünscht.
Denn offensichtlich ist es ja genau das was wir alle oder zumindest der „relevante Zuschaueranteil” sehen will. Wir wollen scheinbar, dass einer unserer primitivsten Instinkte angesprochen wird: Schadenfreude.
Wir wollen sehen wie andere sich bis auf´s Blut blamieren, damit wir uns besser fühlen, indem wir über diese „Vollpfosten” lachen können. Wahre Nächstenliebe.
Stumpft natürlich auch ein bisschen ab, aber was soll´s?
Alle anderen schauen´s ja schließlich auch.
Aber…das ist nur die halbe Wahrheit. Mal wieder.
Die Antwort auf die Frage wie denn „die Einschaltquote” nun tatsächlich entsteht ist nur wenige Klicks entfernt. Eigentlich reicht sogar einer. Und was lesen wir da?
Es sind tatsächlich nur 5640 Haushalte, mit gerade mal knapp 13 000 Bewohnern, die verantwortlich für „die Einschaltquote” sind!
Das heisst, selbst wenn, sagen wir mal, 50 000 000 Fernsehbesitzer alle gleichzeitig, nach einem kurzen „Vorsicht da unten!” ihre Flimmerkiste aus dem Fenster schmeissen würden, würde das de facto nichts an der Einschaltquote ändern?
13 000 Menschen bestimmen was 74 000 000 Menschen sich im Fernsehen ansehen müssen??? Scheint fast so.
Naja, wie gesagt, das wusste ich schon, aber nun zu dem was mich erschaudern liess.
Ich fragte die beiden (Redakteurin und Kameramann) was sie denn nun von der Qualität im TV hielten. Schließlich war das ja ihr Tagesgeschäft. Die Antworten waren ernüchternd.
„Ich persönlich find´s gruselig, aber die Leute kriegen genau das was sie wollen:
Blut und Sperma.”
Auf meinen Einwurf ob es denn nicht sein könnte, dass die Menschen über die Jahre hinweg schlicht und einfach darauf konditioniert wurden sich diesen Schrott anzusehen, kam nur: „Nein, das sehen wir ja an den Einschaltquoten. Jede Sendung ist bis auf die Sekunde genau durchgeplant. Du glaubst doch nicht, dass die Reihenfolge der Beiträge innerhalb irgendeiner Sendung zufällig ist? Blut und Sperma heisst das Prinzip bei uns intern.”
Aha.
Das sehen sie also an den Einschaltquoten.
An den Einschaltquoten, den Fernsehvorlieben dieser ominösen 13 000 auserlesenen Fernsehzuschauer. Na, mit diesen 13 000 Leuten würde ich ja wirklich gerne mal ein ernstes Wörtchen reden, du nicht?
In Anspielung auf den unten genannten Film „Free Rainer” war ich dann noch so frei zu fragen ob sie denn nicht auch denken würden, dass wenn man das Niveau im TV schlagartig anheben und informativer gestalten würde, den Leuten nicht auch ein gewisses Interesse am Weltgeschehen schmackhafter machen könnte. Kopfschütteln und ein bzw. zwei überhebliche Blicke in meine Richtung waren die Reaktion.
„Blut und Sperma. Die Leute haben genug mit ihrem eigenem Leben zu tun.
Tagsüber arbeiten, abends heimkommen, die Kinder versorgen und sich noch ein bisschen von der Glotze mit schnell wieder vergessenen Themen berieseln lassen.
Die wollen gar nichts anderes.”
Wer den Film „Free Rainer” noch nicht gesehen hat…es wird Zeit und es lohnt sich.
Gibt´s (hoffentlich) in jeder Videothek.
Ein unterhaltsames Muss für jeden der mehr zu diesem Thema erfahren möchte.
Hier der offizielle Trailer:
Hier findest du ein weiteres Interview mit dem Regisseur des Filmes,
Hans Weingartner, auf Spiegel-Online:”Fernsehen ist Lebensersatz“
Super Beitrag!